Kirchen sind mehr als Gebäude: Sie erzählen Geschichten, eröffnen Räume für Begegnung und können Menschen auch heute spirituell ansprechen. Mit einer neuen Langzeitfortbildung will das Zentrum Bildung und Gesellschaft der EKHN ab 2027 wieder Menschen zu Kirchenführer*innen qualifizieren. Anlass für diesen Blick auf die Kirchenpädagogik ist die Jahrestagung des Bundesverbands Kirchenpädagogik in Erfurt, bei der auch Dr. Bernhard Lauxmann vom ZBG neu in die Verbandsarbeit eingestiegen ist.
Wenn der Wert einer Kirche plötzlich wieder sichtbar wird
Ein Beitrag von Dr. Bernhard Lauxmann, Referent für Religiöse Bildung am ZBG
Kirchengebäude rücken in der EKHN zuletzt wieder neu in den Blick. Für viele Haupt- und Ehrenamtliche standen die Anforderungen der Gebäude-Entwicklungsplanung im Fokus – eine eher nüchterne und manchmal mühsame Aufgabe, bei der es vor allem um Flächen, Finanzen und strukturelle Fragen ging. Nachdem diese Planungen auf den Weg gebracht sind, entsteht nun bei manchen wieder neue Lust, sich den eigenen Kirchen aus einer anderen, inhaltlichen Perspektive zuzuwenden: Was macht diesen Raum eigentlich besonders? Was erzählt er? Was können Menschen hier entdecken – und was kann ein Kirchenraum heute bedeuten?
Der Wert von Kirchengebäuden steigt, wenn ihre Finanzierung unsicher wird. Das betonte auch Landesbischof Friedrich Kramer (EKM) bei der jüngsten Jahrestagung des Bundesverbands Kirchenpädagogik: “Wer ein Kirchengebäude retten oder wieder ein Bewusstsein für seinen Wert schaffen will, sollte bekanntgeben, dass er die Kirche verkaufen muss.” Diese zugespitzte und etwas ironische Aussage benennt angesichts der Erfahrungen in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland mit ihrer enorm hohen Kirchendichte einen wahren Kern: Bewusstsein und Engagement für Kirchengebäude entstehen oft erst dann, wenn sie in ihrer Existenz bedroht sind.
Vielleicht wächst das Interesse an Kirchen als besonderen und spirituellen Räumen auch deshalb – und zwar nicht nur in der EKHN und nicht nur innerhalb der Kirchen. Menschen suchen Orte der Ruhe, der Stille und der Besinnung. Sie interessieren sich für Architektur, Kunst und Spiritualität und entdecken religiöse Räume neu. Diese Sehnsucht nach Unterbrechung und spiritueller Verortung betrifft keineswegs nur ältere Menschen. Auch Jüngere suchen in einer zunehmend beschleunigten und digital geprägten Lebenswelt Orte, an denen sie für einen Moment aus dem Alltag heraustreten können.
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung bei Veranstaltungen und Bildungsangeboten. Am Tag des offenen Denkmals am 13. September 2026 nutzten viele Menschen die Gelegenheit, Kirchen kennenzulernen, die sonst nicht oder nur eingeschränkt zugänglich sind. Sie schauten sich „ihre Kirchen“ genauer an, hörten Geschichten über die Gebäude, nahmen an Führungen teil oder erlebten einfach den religiösen Raum für sich. Auch Konzerte, Ausstellungen und andere Veranstaltungen ziehen Menschen in Kirchen, die sonst vielleicht keinen Anlass hätten, eine Kirche zu betreten.
Für Kirchengemeinden liegt darin eine besondere Chance: Wo Kirchen geöffnet werden, entstehen Begegnungen – oft auch mit Menschen, die sonst wenig Kontakt zur Kirchengemeinde haben. Der Kirchenraum wird zum Ausgangspunkt für Neugier, Gespräch und manchmal auch für eine neue Form von Spiritualität. Kirchenpädagogik setzt genau hier an. Sie möchte Menschen für Kirchenräume begeistern und ihnen ermöglichen, diese Räume selbst zu entdecken – ihre Geschichte und Architektur, ihre Kunst und Symbolik, ihre theologischen Aussagen und ihre spirituelle Dimension.
Dabei geht es nicht allein darum, möglichst viel über ein Gebäude zu wissen. Kirchenpädagogik fragt auch danach, wie Menschen einen Raum wahrnehmen und wie ein Kirchenraum ihnen heute etwas sagen kann. Kirchen werden nicht nur erklärt – sie werden erfahrbar.
Kirchenpädagogische Ausbildung in der EKHN
Im Zentrum Bildung und Gesellschaft beobachten und begleiten wir diese Entwicklungen. Bereits 2024/25 wurde eine kirchenpädagogische Langzeitfortbildung für Kirchenführer*innen angeboten. Der damalige EKHN-Ausbildungskurs wurde von Ricarda Heymann und Birgit Kurmis verantwortet. Das Angebot war ein wichtiger Neuaufschlag, nachdem eine Qualifizierung von Kirchenführer*innen nach den Kriterien des Bundesverbands Kirchenpädagogik e. V. längere Zeit in der EKHN nicht angeboten worden war.
Nun geht es weiter: Gemeinsam mit Martin Benn, dem langjährigen Kunstbeauftragten der EKHN, entwickle ich derzeit das Curriculum für den nächsten Ausbildungsgang. In zwei Workshops haben wir bereits die Grundlinien gelegt. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass Kirchenpädagogik verschiedene Perspektiven miteinander verbinden muss: Geschichte und Architektur, Theologie und Glaube sowie Didaktik und Methodik. Dabei soll die Praxis eine wichtige Rolle spielen. Die Teilnehmenden sollen mit ihren eigenen Kirchen arbeiten, vor Ort experimentieren und Neues ausprobieren können. Gleichzeitig soll die Ausbildung Raum dafür geben, einen eigenen Zugang zur kirchenpädagogischen Arbeit zu entwickeln – einen eigenen Stil, einen eigenen Blick und eine eigene Positionierung als Kirchenführer*in.
Geplant sind derzeit vier Ausbildungsblöcke mit jeweils dreieinhalb bis vier Tagen zwischen Herbst 2027 und Sommer 2028. Besondere Schwerpunkte sind in Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt vorgesehen. Neben der konkreten Auseinandersetzung mit Kirchengebäuden und methodischen wie rhetorischen Kenntnissen sollen auch Begegnungen mit Künstler*innen sowie spirituelle und raumtheoretische Grundlagen ihren Platz haben.
Die Finanzierung des Kurses ist bereits gesichert. Interessierte an der Langzeitfortbildung, aber auch Absolvent*innen früherer EKHN-Kursangebote sind herzlich eingeladen, sich bereits jetzt zu melden. So können sowohl die Erwartungen der Interessierten als auch die Erfahrungen aus früheren Kursen in die weiteren Planungen einfließen.
Kirchenpädagogik im Austausch: Jahrestagung des Bundesverbands in Erfurt
Wie lebendig das Feld der Kirchenpädagogik derzeit ist, zeigte die Jahrestagung des Bundesverbands Kirchenpädagogik, die vom 17. bis 19. September 2026 in Erfurt stattfand. Der ökumenisch ausgerichtete Bundesverband ist die zentrale Fachorganisation für die Förderung der Kirchenpädagogik im deutschsprachigen Raum.
Unter dem Leitthema „Aufatmen in Kirche(n)Räumen“ beschäftigten sich Mitglieder und Interessierte aus Deutschland und Österreich in diesem Jahr mit Kirchenräumen aus anthropologischer und kirchenpädagogischer Perspektive. Neben einem Fachvortrag im Augustinerkloster von Christoph Schmitt zur christlich-kirchlichen Ikonografie im Dialog mit dem Selbstbild des Menschen von heute wurden zahlreiche Workshops angeboten und verschiedene Kirchenräume in Erfurt erkundet.
Besonders eindrücklich war für mich die Allerheiligenkirche. Sie zeigt auf besondere Weise, wie unterschiedlich ein Kirchenraum heute genutzt und erfahren werden kann. Die Kirche ist zweigeteilt: Auf der linken Seite befindet sich ein konfessionell offenes Kolumbarium, mit kühlem Stein und Reliquienschrein, auf der anderen ein üppig-barocker Gemeinderaum mit Holzbänken. Beide Bereiche werden durch eine durchscheinende Glaswand mit Bibelsprüchen voneinander getrennt und zugleich über die Orgelempore sowie ein Band aus Bibelsprüchen miteinander verbunden. Spannend war für mich vor allem dieser zweigeteilte Raum. Der sonst nur mit Chipkarte betretbare Bereich sorgte für reichlich Diskussionsstoff.
Gerade solche Erfahrungen machen deutlich, wie viele Fragen in einem Kirchenraum stecken können: Wer darf diesen Raum betreten? Wem gehört er? Wie verändert sich seine Bedeutung, wenn sich seine Nutzung verändert? Und welche Geschichten und Erfahrungen bringen Menschen selbst mit, wenn sie einen solchen Raum betreten?
Auch die Wahl eines neuen Vorstands stand in Erfurt auf der Tagesordnung. Gewählt wurden Michael Schock aus Stuttgart als Vorsitzender, Sandra Jankowski aus Hannover und Christian Kainzbauer-Wütig aus Bamberg als stellvertretende Vorsitzende sowie Karin Mayer aus Wien als Schriftführerin und Dr. Marina Wesner aus Berlin als Schatzmeisterin.
Auch die EKHN ist künftig in der Arbeit des Bundesverbands aktiv vertreten. Ich wurde in das Redaktionsteam der Zeitschrift „kirchenPÄDAGOGIK“ aufgenommen und bin ab sofort gemeinsam mit Frank Bolz von der EKKW regionaler Ansprechpartner des Bundesverbands für das Bundesland Hessen.
Damit schließt sich für mich ein Kreis: Kirchenpädagogik lebt vom Austausch, von der gemeinsamen Reflexion und vor allem vom konkreten Erleben von Kirchenräumen. Sie verbindet Fachwissen mit persönlicher Wahrnehmung, Geschichte mit Gegenwart und Bildungsarbeit mit Spiritualität.
Genau diese Verbindung soll auch die geplante Langzeitfortbildung in der EKHN prägen.
Wer Interesse an der Kirchenpädagogischen Langzeitfortbildung, am Bundesverband oder an der Zeitschrift „kirchenPÄDAGOGIK“ hat, kann sich jederzeit melden. Wir freuen uns!
Weitere Informationen:
- Bundesverband Kirchenpädagogik e.V. > https://www.bvkirchenpaedagogik.de/
- Kirchenpädagogik am Zentrum Bildung und Gesellschaft > https://www.zbg-ekhn.de/religion-und-kultur/kirchenpaedagogik-und-religioese-kunst
Ansprechpartner:
Dr. Bernhard Lauxmann
Referent für Religiöse Bildung und Bildungsarbeit mit älteren Menschen
Telefon: 06151 6690-186
bernhard.lauxmann(at)ekhn.de
